Nightride – Fahrt durch die Dunkelheit

Der Regen prasselte auf das Autodach, als ich den Fensterheber erneut betätigte, um das Fenster zu schließen. „Was ist das nur für eine Nacht?“, dachte ich und suchte nach meinem Autoschlüssel.

Die vergangenen Szenen hallten immer noch in meinem Kopf nach, und ich konnte noch nicht so richtig einen konkreten Gedanken fassen. Ich tastete mechanisch meine Jackentasche ab. Meine Finger fanden ihn schlussendlich in meiner rechten Tasche, doch als ich ihn hervorholte, fiel auch ein kleiner gelber Post-it heraus.

Ich hielt ihn ins kühle Licht des Armaturenbretts. Ein handgezeichneter Smiley starrte mir entgegen, daneben drei Worte in einer hastigen, aber weichen Handschrift: „Melde dich mal :)“

An den Zettel konnte ich mich absolut nicht mehr erinnern. Keine Ahnung, wie dieser in meine Jackentasche gelangte; auch konnte ich anhand der Schrift nicht erkennen, welche Person ihn geschrieben haben könnte. Ich legte den Zettel erst einmal auf den Beifahrersitz und steckte den Zündschlüssel mit noch leicht zitternden Fingern in das Schloss, atmete noch einmal kurz durch und startete den Wagen.

Der Motor brummte leise, und die LED-Scheinwerfer schnitten nach einem kurzen Neustart erneut wie scharfe Lichtstrahlen durch den Nebel. Ich legte den Gang ein und wendete langsam auf dem leeren Parkplatz. Beim Heranfahren an die Schranken öffneten sich diese automatisch, und ich bog auf die Landstraße ab. Doch zu meiner Verwunderung kam mir alles so verdammt fremd und unbekannt vor. Ich schob es einfach darauf, dass ich von meinem Traum noch etwas neben der Spur war.

Die Landstraße war eine schwarze Schlange, die sich durch den Wald wand. Ich fuhr langsam, fast ehrfürchtig. Die Scheibenwischer kämpften mit dem Regen auf der Windschutzscheibe, und jeder Kilometer fühlte sich an wie ein Meter Neuland. Nach einer weiteren langen Kurve tauchte es in der Ferne auf: Warnblinklicht. Ein schwaches, rhythmisches Orange, das den Regen für Sekundenbruchteile in Bernstein tauchte.

Ich hielt mit etwas Abstand hinter dem Wagen und dachte mir: Das kann doch nicht wahr sein, so etwas passiert immer nur mir. Doch ich konnte die Person nicht einfach stehen lassen; wenn mir so etwas passierte, wollte ich ja auch, dass mir geholfen wird. Zumal es mitten in der Nacht war.

Ich stieg aus dem Auto, und der Regen war zu meinem Erstaunen deutlich schwächer geworden. Es war nur noch eine Art Sprühregen, der sich kühl auf der Haut anfühlte. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke noch weiter nach oben und lief auf den Wagen zu.

Die Motorhaube war geöffnet, und eine Person stand davor. Als ich um den Wagen herumlief, erfasste es mich wie ein Blitzschlag, und ich stand wie versteinert da. Vor mir stand dieselbe Frau, die am See an meine Fensterscheibe geklopft hatte.

„Sie?“, brachte ich nur hervor. Meine Stimme klang in der feuchten Nachtluft dünner, als ich es gewollt hätte. Ich blickte zurück zu meinem Wagen, dessen Scheinwerfer die Szenerie in ein unnatürliches Weiß tauchten, dann wieder zu ihr. „Wie sind Sie… ich meine, ich bin doch gerade erst losgefahren?“

Sie legte den Kopf leicht schief, und das schwache Orange des Warnblinkers tanzte in ihren grünen Augen. „Die Zeit ist ein seltsamer Beifahrer, finden Sie nicht auch?“, erwiderte sie ruhig auf meine fassungslos gestammelte Frage. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Manchmal holt man sich selbst ein, ohne es zu merken. Aber lassen wir das für den Moment… mein Wagen scheint nicht mehr zu wollen.“

Ich blinzelte den Regen aus meinen Wimpern. Ihr Satz ergab keinen Sinn, doch die pragmatische Notwendigkeit, hier nicht auf offener Straße stehen zu bleiben, drängte meine Fragen erst einmal beiseite. Ich brauchte etwas Reales, an dem ich mich festhalten konnte – eine Aufgabe, die greifbar war.

„Ich… ich schau mal nach“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr, und trat an die Front ihres Wagens. Ich beugte mich über den Motorraum. Meine Augen suchten nach etwas, das auf einen Defekt hinweisen würde. Doch was ich sah, machte mich fassungslos. Alles war makellos. Der Motorblock glänzte wie frisch aus dem Werk, kein Staubkorn, kein Tropfen Öl war an der falschen Stelle. Es gab keinen sichtbaren Grund, warum dieses Auto hier stehen sollte.

„Ich kann nichts finden“, sagte ich und richtete mich auf. Der Sprühregen legte sich wie ein feiner Film auf meine Haare. „Eigentlich müsste er laufen. Aber es würde ewig dauern, jetzt im Dunkeln nach einem versteckten Elektronikfehler zu suchen.“

Ich zögerte einen Moment, dann sah ich sie an. „Ich kann Sie nicht hier im Wald lassen. Wenn Sie möchten… ich meine, ich fahre ohnehin in diese Richtung. Ich kann Sie mitnehmen.“

Sie antwortete nicht sofort. Ihr Blick streifte meinen Wagen, dann nickte sie langsam. „Ich nehme das Angebot gerne an. Manche Reisen lassen sich gemeinsam einfacher ertragen.“

Wir stiegen ein. Im Inneren roch es nach altem Leder und dem leichten Duft von Jasmin, den sie mit hereinbrachte. Ich legte den Gang ein, und wir rollten langsam an ihrem Wagen vorbei in die unendliche Schwärze der Nacht.

Minutenlang herrschte vollkommene Stille, während wir tiefer in den Wald glitten. „Wo… wo wollen Sie eigentlich hin?“, fragte ich schließlich vorsichtig. 

Sie sah aus dem Fenster, beobachtete, wie die Regentropfen auf der Scheibe vom Fahrtwind zur Seite gedrückt wurden. „Ich glaube nicht mehr an feste Ziele“, sagte sie leise, und ihre Stimme klang dabei fast ein bisschen wehmütig. „Wir jagen immer irgendeinem Ort oder einem Moment hinterher und vergessen dabei völlig, dass wir gerade jetzt schon irgendwo sind. Schauen Sie mal nach vorne.“

Sie deutete auf den Lichtkegel der Scheinwerfer. „Wir sehen immer nur die nächsten fünfzig Meter. Und doch reicht das völlig aus, um die ganze Welt zu durchqueren, oder? Vielleicht ist das die Antwort: Es reicht, wenn man weiß, wo man in diesem Moment steht. Alles andere ergibt sich.“

Sie schwieg kurz, dann drehte sie sich leicht zu mir. „Was war das eigentlich für ein Traum am See? Sie sahen aus, als kämen Sie gerade von einem Schlachtfeld.“

Ich erzählte ihr von dem Mann auf dem Steg, von der Kälte in seinen Augen und der Waffe. „Es hat sich so echt angefühlt“, gestand ich, während meine Knöchel am Lenkrad weiß wurden. „Er hat abgedrückt. Und in dem Moment haben Sie an die Scheibe geklopft. Sie haben mich aus dieser Sackgasse herausgeholt.“

Sie nickte langsam, als würde sie den Mann auf dem Steg selbst kennen. „Manchmal muss das Alte erst mit einem lauten Knall verschwinden, damit man wieder hören kann, was wirklich wichtig ist. Vielleicht war dieser Schuss gar nicht das Ende, sondern der Startschuss für das, was jetzt kommt. Wenn man alles vergessen hat, ist man endlich frei, sich neu zu entscheiden.“

Ihr Blick fiel plötzlich in den Fußraum vor sich. Da lag der kleine gelbe Post-it aus meiner Tasche. Sie nahm den kleinen gelben Zettel behutsam zwischen ihre Finger. „Was ist das?“, fragte sie und lächelte sanft, als sie den Smiley sah. „‚Melde dich mal‘… Da scheint Sie jemand wirklich gerne zu haben und auf Sie zu warten.“

Ich starrte auf die hastige Handschrift, doch in mir blieb alles stumm. „Ich kann mich leider an nichts erinnern“, sagte ich leise, und eine Welle von Traurigkeit schwappte über die neu gewonnene Ruhe. „Ich weiß nicht, wer das geschrieben hat. Eigentlich gibt es niemanden, der auf mich warten könnte.“

Sie hielt mir den Zettel hin und sah mich mit einem Blick an, der gleichzeitig weise und auffordernd war. „Dennoch haben Sie diesen Zettel. Vielleicht lohnt sich die Suche nach der Person, die Ihnen diesen Zettel geschrieben hat“, sagte sie bestimmt. „Manchmal findet man die Antwort nicht im Gedächtnis, sondern in den Schritten, die man ab jetzt geht. Das ist eine Chance. Ergreifen Sie sie.“

Ich nahm den Zettel entgegen. Ihre Worte fühlten sich an wie ein Versprechen. Ich schaute zu ihr auf den Beifahrersitz, sah ihr lange in die Augen und wollte gerade ansetzen, sie zu fragen, wo ich mit der Suche beginnen sollte.

Doch als ich meinen Blick wieder nach vorne auf die Straße richtete, riss mich die Realität mit brutaler Gewalt zurück. Ein gleißend helles, weißes Licht explodierte direkt vor uns im Nebel. Es kam aus dem Nichts, so hell, dass es die Dunkelheit nicht nur vertrieb, sondern förmlich verbrannte.

„Vorsicht!“, schrie ich, während mein Fuß mit aller Kraft auf das Bremspedal hämmerte. Die Reifen schrien auf dem nassen Asphalt, das ABS hämmerte gegen meine Fußsohle und mein ganzer Körper wurde in den Gurt gepresst.

Das Licht wurde immer heller, bis es alles verschlang – das Auto, die Straße, die Frau neben mir und schließlich mich selbst.

Dann war da nur noch Stille…

Nach oben scrollen