
Der Regen prasselte auf das Autodach. Als ich zu mir kam, fühlte es sich an, als würde jeder einzelne Tropfen wie ein Faustschlag gegen meinen Kopf hämmern. Die Zündung war noch eingeschaltet, und die LED-Scheinwerfer schnitten wie ein scharfes Schwert Lichtkegel in den dichten Nebel.
Doch was war passiert? Wieso saß ich hier? Mein Kopf war leer, wie ausradiert. Es fühlte sich an wie einer dieser Filmrisse, bei denen man plötzlich an einem fremden Ort zu sich kommt und ein beklemmendes Gefühl der Angst die Kehle zuschnürt, weil die Erinnerung an die letzten Stunden einfach fehlt. Doch bei mir fehlten nicht nur Stunden. Da war gar nichts.
Ich sah mich im Wagen um. Das Display des Infotainment-Systems strahlte grell in meine Augen und trieb die Schmerzen wie Nadeln in meine Schläfen. 2°C zeigte die Anzeige. Ein typischer, nasskalter Novembertag. Als ein Windstoß den Nebel für einen kurzen Moment beiseiteschob, erkannte ich die dunkle, glatte Fläche vor mir: Ich stand auf dem Parkplatz vor einem riesigen See.
Ich ließ meinen Blick über den See gleiten, und plötzlich waren da diese Gedanken. Für Millisekunden, fast nicht greifbar, wie helle Blitze in der Ferne.
Funktionieren. Stillhalten. Stress. Verpflichtungen. Erwartungen. Fremdbestimmt. Am Ende, einfach nur am ENDE.
Ein tiefer grollender Donner, riss mich aus meinen Gedanken und Panik stieg in mir auf. Ich suchte wie ein Verrückter nach dem Öffner der Fahrertür. Metall klackte, die Tür sprang auf und ich stürzte stolpernd aus dem Auto.
Was ist nur mit mir los? Was passiert hier gerade? Kopflos und ringend nach meiner Fassung stolperte ich vom Parkplatz Richtung See, in der Hoffnung, endlich wieder klar im Kopf zu werden. Etwas abseits tauchte ein Wegweiser auf. Ein Rabe saß darauf und musterte mich bereits aus der Ferne. Als ich mich ihm näherte, stieß er ein heiseres Krähen aus und glitt hinunter zum Bootssteg. Ich schaute ihm nach und sah sie: die Treppe. Unzählige Stufen, die wie ein steinerner Wasserfall hinunter zum See führten.“
Vorsichtig taumelte ich die endlos erscheinende Steintreppe hinunter. Die Stufen waren vom unaufhörlichen Regen rutschig. Unten angekommen, stand ich am Anfang eines langen hölzernen Bootsstegs. Ich erkannte am Ende eine Silhouette. Ein Mann, fast eins mit der Dunkelheit. Er rauchte. Das glühende Ende seiner Zigarette tauchte wie ein kurzer Lichtpunkt auf und verschwand wieder in dieser schwarzen Welt.
Ich blieb stehen, außer Atem. „Entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht helfen?“, presste ich hervor. Ich ging langsam auf ihn zu, doch der Schatten rührte sich nicht. Er schien starr auf das Wasser zu blicken, hinein in die absolute Dunkelheit.
„Du suchst nach Antworten?“, entgegnete die Gestalt, nahm einen tiefen Zug. Das orangefarbene Glühen erhellte für einen Moment sein Gesicht, doch sosehr ich mich auch anstrengte – ich konnte es nicht erkennen. Dann blies er den Rauch in die kalte, regnerische Nacht.
„Was… woher…“, setzte ich an, doch er unterbrach mich sofort.
„Schau uns doch an!“, zischte er, und seine Stimme bebte nun vor unterdrücktem Zorn. „Schau dir an, in welche Situation du uns gebracht hast. Ein Leben auf Knopfdruck. Stillhalten, funktionieren, die Erwartungen anderer fressen uns bei lebendigem Leib auf. Du hast uns in diese Sackgasse manövriert, bis keine Luft mehr zum Atmen blieb.“
Er nahm einen letzten, glühenden Zug. In der Ferne hörte man die Raben krähen. „Das alles muss ein Ende haben“, sagte er mit einer Stimme, die kälter war als der Regen.
Mit einer langsamen, fast mechanischen Bewegung drehte er sich zu mir um.
In diesem Moment peitschte ein Blitz über den See und riss die Dunkelheit für eine Millisekunde in Fetzen. Ich erstarrte. Das Gesicht, das mich aus leeren Augen anstarrte, war mein eigenes. Es war ich – gezeichnet von einer Müdigkeit, die tiefer saß als der Tod.
Bevor ich begreifen konnte, was geschah, hob er den Arm. Das kalte Metall einer Pistole glänzte im fahlen Licht. Das Klicken des Hahns war lauter als der Donner. In diesem Augenblick riss das Band meiner Fassung und die nackte Todesangst übernahm das Steuer.
Ich drehte mich ruckartig um und rannte. Ich stürmte die endlosen Steinstufen hinauf, meine Lungen brannten bei jedem Atemzug. Nur noch zwei Stufen bis zum rettenden Parkplatz. Nur noch zwei!
Mein Fuß rutschte auf dem glitschigen Stein aus. Mit einem unterdrückten Keuchen schlug ich hart auf die Kante auf. Ich versuchte mich hochzustemmen, doch meine Kraft war am Ende. Ich spürte den Schatten hinter mir, der über mich gewachsen war.
Er blieb stehen. Er atmete ruhig, während er ein letztes Mal an seiner Zigarette zog. Mit einer fast schon arroganten Beiläufigkeit schnipste er den glühenden Rest in die Schwärze der Nacht. Dann richtete er den Lauf der Pistole direkt auf mich und ich blickte direkt in den Lauf.
Er flüsterte leise: „Hier endet es … für immer.“
Und drückte ab.
Ein ohrenbetäubender Knall – Schwärze – und dann die Rückkehr des Regens.
Ich riss die Augen auf. Mein Herz raste gegen meine Rippen und ich rang nach Luft, als hätte ich minutenlang unter Wasser gelegen.
Ich bin im Auto. Das rhythmische Trommeln des Regens auf dem Metalldach holte mich langsam zurück. Das Infotainment-System leuchtete kühl im dunklen Innenraum: 2°C. Die LED-Scheinwerfer schnitten immer noch wie scharfe Schwerter durch den dichten Nebel der Novembernacht.
Ich zitterte am ganzen Leib. Doch während mein Atem allmählich flacher wurde, geschah etwas Seltsames: Die Panik wich einer unbeschreiblichen Erleichterung. Es war alles ein Traum gewesen. Ein furchtbarer, grausamer Traum, der mir gezeigt hatte, wohin der Weg führt, wenn ich nicht endlich etwas ändere. In diesem Moment wusste ich: Ich wollte nicht der Mann auf dem Steg sein. Ich wollte nicht, dass es so endet.
Doch plötzlich aus dem Nichts ertönte ein Geräusch.
Klopf. Klopf.
Erschrocken blickte ich zur Fahrertür. Im fahlen Licht der Nacht stand eine junge Frau, unter einem großen Regenschirm. Ihre Augen leuchteten in einem klaren, warmen Grün und ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen.
Ich hörte sie nur dumpf durch das Glas sagen: „Ist alles okay bei Ihnen?“
Ich betätigte, noch immer mit zitternden Fingern, den Fensterheber und antwortete mit einem Lächeln. „Ja, vielen Dank, ich war nur eingeschlafen und hatte einen finsteren Traum“ .
Ab dem Moment wusste ich das ich nicht mehr der selbe sein werde.
